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Frühlingszwiebeln

Auf der Brücke überm Tiefer

Flohmarkt

Taschen, Tücher, Bücher

eine Frau mit altem Gesicht

Haar unterm Tuch

gewickelt in ein buntes Kleid

einen roten Rock

Frühlingszwiebeln

zwischen den hockenden Schenkeln

Frühlingszwiebeln, duftend

Erde an den zarten Wurzeln.

Sie schützt sie

mit ihren Armen

flüstert in die klackenden Schritte

der Vorbeieilenden in der ihr

eigenen Sprache ihren Namen,

wiegt sie zärtlich

in ihrem Schoß.

Jedes Mal, wenn sie gegen Geld

ein Bund weggibt,

schaut sie ihnen nach,

wie einem Geliebtem

der sie verläßt.

 

 

Die Zeit, die Stadt und die Liebe ,Gedichte,  Geest Verlag, 2007

 

Meine Heimat

Sie fährt im Morgenmantel auf dem Fahrrad zum See.

Den Lenker hält sie mit einer Hand.  Ich bin zu Fuß. Den Bikini habe ich schon untergezogen.

Der See dampft, es ist schon September, das Wasser wärmer wie die Luft.

An solchen Tagen liegt der See still. Die wenigen Schwimmerinnen und Schwimmer, die sich von der Kühle nicht abhalten lassen, in den See zu steigen, teilen das Wasser mit ihren Armen.

Er liegt mitten in meinem Stadtteil, um seine Bäume am Rand mussten wir schon kämpfen,

dieser lange Streifen Parkwald sollte von Sichtschneisen für die  dahinterliegenden Neubauten durchlöchert werden, hochpreisige Häuser, die so dicht an die Grundstücksgrenze gebaut wurden, dass die Bäume fast die Fenster kitzeln. Dahinter der alte Wasserturm, unsere „umgedrehte Kommode“, ein Rotklinkerbau, funktionslos geworden, führt er die Neubauten vor. Geschützt durch seinen Status als Denkmal zeigt er mit seinen Verzierungen, den vier Türmchen auf dem Dach Gesicht zwischen den Klötzchen und kleinen Würfeln der neuen Häuser. Auch an anderen Stellen sind die Baumaschinen angerückt, zwischen die stuckverzierten alten Gebäude und in die wenigen weitläufigen Hinterhöfe, die es noch gibt, schieben sich Neubauten.

Die kleinen Zigarrendreherhäuschen, die sich dicht an dicht ducken mit ihren winzigen Zimmern und losen Dachsparren, werden kostbar. Ein Denkmal ganz aus Bronze ist ihnen gewidmet und das Foto, das mein Mann von ihnen gemacht hat, ziert meine Küche. Zwischen den Männern und Frauen, die beim Zigarrendrehen die Köpfe nicht heben können, der Vorleser politischer Schriften, den sie sich von ihrem schmalen Verdienst geleistet haben.

 

In meinem Stadtteil ist alles bunt gewürfelt, für jeden findet sich ein Platz.  Die Obdachlosen haben ihre Stammplätze vor der Kirche, in der auch die schwarze Community mit vielen quirligen Kindern und Frauen, die ihren kräftigen Körper festlich und bunt kleiden, am Nachmittag den Sonntag feiert. Die jungen Geflüchteten kochen jeden Freitag mit allen, die sich dazu gesellen mögen, im Radieschen, diesem kleinen Cafe‘ in Rosa.

 

Zwischen See und Fluss kommt das Überflutungsgebiet. Hier liegt kilometerweit Garten an Garten und lassen Straßenlärm und Enge schnell vergessen. Auch ich habe eine Parzelle, rechts neben mir ein lesbisches Paar, ein Stück dahinter ein Nachbar aus Algerien, neben mir Nevzeta*. Wenn mein Nachbar zur Rechten Besuch hat, höre ich immer eine andere Sprache, arabisch, spanisch, französisch, deutsch. Sein Garten ist der ordentlichste im Weg. Ich mag Nevzetas Akzent und dass sie mir die Kartoffeln und Tomatenpflanzen schenkt, für die sie in ihrem Garten keinen Platz mehr hat. In meinem Stadtteil liegt manchmal Müll auf den Grünflächen, es kann laut werden und weiße Hauswände bleiben selten weiß. Im Nu verwandeln Graffiti sie zu Flächen für mehr oder weniger gelungene Buchstabenkunst. So setzt sich meine Stadt zusammen. Es gibt nicht nur den Marktplatz, das Rathaus, den Schnoor, all das was Touristen anzieht und ich jedes Mal neu sehe, wenn ich Besuch bekomme. Dann überkommt mich das Bedürfnis auch mal an die Beine des Esels zu greifen, die schon ganz blank sind, vom vielen Anfassen und ich stehe vor den ersten Flüchtlingen der Märchenwelt, den Bremer Stadtmusikanten und erzähle ihre Geschichte. Selbst die Gluckhenne entdecke ich neu, die der Sage nach Bremen begründet hat, als sie sich mit ihren Küken au der Düne niederließ, auf der heute der Dom steht.

 

Am Roland ertaste ich den Abstand zwischen den Knien, das Maß für ein Elle und zeige die steinerne Gestalt zu seinen Füßen, die heute niemand mehr Krüppel nennen würde. Er ist es,

dem wir dem Bürgerpark zu verdanken haben, denn nur weil er so lange und so weit gekrochen ist, ist das Land das Gräfin Emma den Bürgern geschenkt hat, so groß geworden.

 

Vieleicht gehen wir heute Döner essen oder Schnitzel, vielleicht treffe ich Z. wieder, der geflohen aus dem Libanon lange um sein Asyl fürchten musst und mir heute jedes Mal, wenn wir uns treffen von seinen Söhnen erzählt und der Ausbildung, die sie machen, denn ich gehöre zu denen, die die Familie unterstützt haben, ungeachtet der Tatsache dass sie zu einem bekannten und berüchtigtem Clan gehören. Wer sucht sich die Familie aus, in die er hineingeboren wird?

Alles gut bei Z., er hat seine Arbeit, seine Wohnung.

 

Meine Heimat ist der Ort, in dem Menschen, die in ihren Heimatländern gegeneinander Krieg geführt haben, gemeinsam ihre Kinder zum Kindergarten oder der Schule bringen, der Ort, an dem sie mir als in der Straßenbahn einen Sitzplatz anbieten, auch wenn ich jedes Mal ein wenig zusammenzucke, weil ich daran merke, dass man mir mein Alter ansieht.

 

Meine Heimat ist hier, wo eine Frau morgens im Morgenmantel auf dem Fahrrad zum See fährt.

 

 

FÜR KAFKA

Gestern wurde Kafka verramscht

Halbverdeckt von Heilfasten

und der Kraft der Steine

entdeckte ich seinen Namen.

Viele eilige Finger

hatten ihre Abdrücke

auf dem Umschlag hinterlassen,

flüchtiges Blättern

die Seiten geknickt

und die Wörter

achtlos wieder weggeworfen.

ich erwischte eine Ecke von ihm

zog und ein Buchstapel

voller küssender Münder

und hungriger Umarmungen

fiel in sich zusammen

mitten auf Kafka,

einen kleinen Berg Kafka.

Fünf Euro klingelten in der Kasse.

Ich trug Kafka

gewickelt in blaues Papier

zu mir nach Hause,

schob ihn zu Brecht und Seghers

Woolf und Lessing

Morrison und Allende

und sprach uns Mut zu.

 

Seitdem buddel ich

in jedem Grabbel

bis auf den Grund.

 

Gestern wurde Kafka

verramscht.

 

 

Die Zeit, die Stadt und die Liebe ,Gedichte,  Geest Verlag, 2007

 

 

Autorin

Ulrike Kleinert

TEXTE

Die Zeit, die Stadt und die Liebe ,Gedichte,  Geest Verlag, 2007

Die Zeit, die Stadt und die Liebe ,Gedichte,  Geest Verlag, 2007

TEXTE

Autorin

Ulrike Kleinert