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Frühlingszwiebeln 

Auf der Brücke überm Tiefer

Flohmarkt

Taschen, Tücher, Bücher

eine Frau mit altem Gesicht

Haar unterm Tuch

gewickelt in ein buntes Kleid

einen roten Rock

Frühlingszwiebeln

zwischen den hockenden Schenkeln

Frühlingszwiebeln, duftend

Erde an den zarten Wurzeln.

Sie schützt sie

mit ihren Armen

flüstert in die klackenden Schritte

der Vorbeieilenden in der ihr

eigenen Sprache ihren Namen,

wiegt sie zärtlich

in ihrem Schoß.

Jedes Mal, wenn sie gegen Geld

ein Bund weggibt,

schaut sie ihnen nach,

wie einem Geliebtem

der sie verläßt.

 

 

 

 

aus "Die Zeit, die Stadt und die Liebe"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Treckerfahren

 

Es war nur ein kurzer Moment.

Auf der Diele war es eng, alles voller Staub.

Der Geruch des Heues hatte seine Süße verloren, die Süße langsam trocknender Grashalme. Der Geruch war stark, biss in die Schleimhäute. Er erfüllte die  große Diele und legte sich auf die Lungen.

Sina war, als würde sie keine Luft mehr bekommen.

Dazu noch das Schreien des Vaters.

„Mach schon, setzt dich auf den Trecker.“

Es würde das erste Mal für sie sein, sonst ließ er sie nicht. Jetzt mußte sie. Sie zog sich am Sitz hoch. Sie war in den letzte Monaten gewachsen, sie spürte , dass sich was verändert hatte.

Sie schlüpfte hoch, sie war dünn, zu dünn, meinte der Hausarzt.

„Wollen sie ihre Tochter nicht mal zur Kur schicken. Es gibt so gute Kinderkurheime.“

Nein, sie wollten nicht.

Sie wurde gebraucht.

Heuernte,  viele Hände waren nötig. Ihre Eltern hatten nur vier.

Jetzt brauchte der Trecker einen neuen Fahrer, brauchte sie. Ihr Onkel war weggegangen, einfach so, seinem Bruder entkommen zu  einer Arbeit im Hafen. Ihr Onkel war volljährig. Er konnte gehen, wohin er wollte.

Sinas Vater hatte es eilig, er mußte wieder los und mit dem anderen Trecker  die zweite Fuhre holen. Das Gewitter hing schon in der Luft. Sina hoch oben auf dem Fahrersitz.Sie war sich nicht sicher, ob sie im Sitzen an die Bremse und die Kupplung kommen würde. Wenn sie auf dem Trecker gespielt hatte, hatte sie sich aufrichten und das ganze Gewicht ihres

Körpers einsetzen müssen, um die Kupplung durchtreten zu können. Aber sie hatte einen Schuß gemacht. Sie stellte den Fuß auf die Kupplung, es war kein Problem mehr, sie spürte die Kraft ihrer Beine.Der Trecker ruckte, dann fuhr er an. Sie umklammerte das Steuer, die Knöchel schimmerten weiß.

Das war Maßarbeit mit dem Deutz und dem Heuwagen durch die Dielentür ohne anzuschrabben und genau unter der Bodenluke halten. Sie entspannte sich. Die Maschine gehorchte ihr, ihr, einem jungen Mädchen. Dieser kurze Moment des  Triumphs.

Ihre Mutter fing an, das Heu abzuladen. Sie stieß mit der Forke in das Heu und hievte  es nach oben. Sina zog die Handbremse fest und kletterte die Leiter hoch auf den Boden, um das Heu entgegenzunehmen und seitlich aufzuschichten. Um sie herum war der Staub noch dichter. Er setzte sich nicht nur in die Nase, auch auf die Haare  und in die Augen. Sie mußte husten. Warum machte ihr Vater diese Arbeit so selten. Er war schnell und kräftig.

Abends  saßen sie gemeinsam am Tisch. Sie schaute nicht hoch. Ihr Vater aß hastig. Gleich würde er aufstehen, zum Fernseher gehen und ihr und der Mutter das Abräumen des Tisches überlassen.

„Ich will Treckerfahren,“

„Du bist doch gefahren.“

„Ich will viel mehr fahren, ich fahr zum Melken, ich hol das Heu.“

Ihr Vater stutzte.„Sina“

Die Mutter mischte sich ein.

„Du bist noch zu jung.“

„Ich kann das.“

„Ihre Eltern sahen sich an.

 

Dann fuhr der Vater die Mutter an.

„Du machst es ja nicht. Ich kann nicht überall sein, heuen und melken zugleich.“

„Aber Sina“

„Aber, aber, sie fährt doch nur auf unserem Land.Und Tom ist abgehauen, einfach so.“

  „Ich kann nichts für deinen Bruder“
 „ Aber du hättest einen Führerschein machen können, aber nein, du willst einen Trecker nicht anfassen.“

„Nein, sagte die Mutter, ich kann  nicht noch mehr machen. Ich hab schon  die ganze Hausarbeit.“

Hausarbeit war nichts für Sina, wischen, nähen, kochen. Sie wollte raus.

Ihr Mund zitterte leicht, als ich es aussprach.

„Ihr müßt es erlauben, anders geht es nicht. Wenn ich alt genug bin, mach ich den Führerschein.“

„Morgen üben gleich nach der Schule hörst du.“

Sie jubelte im Stillen. Sie würde die Hausaufgaben einfach schneller erledigen, vielleicht schon im Bus auf der Heimfahrt von der Schule. Sie wollte die Machine unter mir spüren, das Vibrieren des Motors, den Diesel riechen und hören, wie der Trecker Fahrt aufnahm.

Sie fuhr im Sommer jeden Tag. Ihre Mutter saß von nun an hinten auf dem Melkwagen, wenn sie zu den Kühen fuhren, sie schaukelte hin und her, Sina vorn auf dem Deutz,  hoch aufgerichtet. Auch das Heu holte sie ein, ihr Vater lud  es auf, sie fuhr Haufen für Haufen ab und schaute zu ihm herunter.

Fortan grüßten die Nachbarn sie, wenn sie mit dem Deutz über

die Wiesen fuhr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus "Alltag, Alltag jederTag, Lesebuch der Wesermarsch, 2017

 

FLIEDERBEEREN

Blütenschnee des Frühlings

Busch der vergessenen Göttin Holle

auf den Äckern platzte die Erde

in den Rillen pickten Tauben

Scharen von Staren

fanden ihr Quartier

neben unseren Höfen

und wir

 

wir sprachen nicht miteinander

aber fein aufeinander abgestimmt

bewegten sich

unsere Hände

unsere Zärtlichkeit verbargen wir

in der Liebe zu Tieren und Pflanzen

verströmten sie beim Berühren

dahinein woben wir

unsere Gedanken und Gefühle

dort trafen sie sich

und wußten voneinander

stumm, doch voller Tatkraft

 

der Garten nährte

die Tiere ließen ihr Leben für uns

den Schwalben

boten wir Sommer für Sommer Quartier

unterm Dachvorsprung

 

und aus dem Schnee der Fliederbeeren

der Sekt

 

 

Geschrieben 2017

Autorin

Ulrike Kleinert

TEXTE

Bienenstock, London, Botanischer Garten , Foto  AJB

Buchcover

TEXTE

Autorin

Ulrike Kleinert