Bella Ball

Ulrike Kleinert: Erinnerungsfunken

Von Johann-Günther König

Erinnerungsfunken – wider das Vergessen“

Ein Roman über das Leben und die Erinnerungen von fiktiven Anwohnern einer Siedlung, die 1936 als „NS-Wohnungsfürsorgeanstalt“ für „Asoziale“ erbaut, 1940 entwidmet und in der jüngeren Vergangenheit zu einer gepflegten Reihenhausanlage wurde. Mit einem historischen Rückblick von Matthias Loeber (Erinnern für die Zukunft e.V.).

Das hier ist ein ganz normaler Ort …

Von Johann-Günther König

Ulrike Kleinert, Jahrgang 1955, hat lange als Leiterin von Kitas gearbeitet und ist seit den 1980er Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, Lyrik und Romanen als Schriftstellerin aktiv. 2006 erhielt sie das Bremer Autorenstipendium. In diesem – ihren zweiten – Roman vermittelt Kleinert die Erinnerung an das 1940 aufgelöste „Familien-KZ“ und die in den 1950er Jahren erfolgte Ansiedlung von Sintifamilien im Bremer Stadtteil Woltmershausen.

Erinnerungsfunken ist multiperspektivisch angelegt. Zum einen geht Ulrike Kleinert auf bemerkenswerte Weise in einigen kursiv gesetzten Abschnitten gleichsam mit Stimmen aus dem Off auf den 1936 rasch erfolgten Bau und die 1940 erfolgte Schließung der Siedlung „NS-Wohnungsfürsorgeanstalt“ sowie auf in die Nachbarschaft zwangsumgesiedelte Sintifamilien und gesetzliche Versäumnisse der BRD ein. Zum anderen gelingt der Autorin die souveräne Verflechtung der Lebenserlebnisse von einem Dutzend glaubwürdiger Protagonistinnen und Protagonisten, die zugleich die verschiedenen Entwicklungsetappen der Siedlung spiegeln. Die Autorin verbindet ihre Schilderungen der menschlichen Interaktionen mit den Bauten und der Entwicklung der Siedlung bzw. dem „Platz“, wo „die Häuser Ohren“ haben.

In Ulrike Kleinerts Roman Erinnerungsfunken erscheinen ihre fiktiven Kleinstadtcharaktere unterschiedlichen Alters als eine verschworene Gemeinschaft in einer Siedlung, deren Entstehungsgrund nur einige noch kennen. Auffällig agieren die in Trennung von ihrem Mann lebende Maleika und ihr 13-jähriger Sohn Merlin. Die Kassiererin zieht am Anfang des Romans mit ihrem Sprössling stolz, aber nichtsahnend in eines der „winzigen“ Reihenhäuser am Heinrich-Paul-Platz ein (realiter: Wartumer Platz). Es hat eine Wohnküche, ein Bad und zwei kleine Zimmer im Obergeschoss. Merkwürdigerweise sind die Treppenstufen des Hauses aus Beton und alle Türen aus Metall, also nicht wie üblich aus Holz sind. (Die Nazis gingen davon aus, dass Holz in den Häusern von den „Asozialen“ verheizt würde.) Bald spüren Maleika und Merlin, dass sie beobachtet werden – nicht zuletzt von der Nachbarin Rosa. Überhaupt fühlen sie sich in der Siedlung als neuangekommene Fremde von den Mitmenschen misstrauisch beäugt.

Einige der am Platz Wohnenden pflegen offenbar eine Verbindung zu Ihren Vorfahren und der Geschichte der kleinen Reihenhäuser. So erweist sich Rosa als Kind der Siedlung, und lässt sich auf den Sinto Ronny ein, der Mitte der 1950er Jahre im Zuge der Zwangsumsiedlung von rückkehrenden Überlebenden der Konzentrations- und Arbeitslager zugezogen war.

Ein bedeutender Moment in Kleinerts Erinnerungsfunken ist der Besuch von Merlin in der Bibliothek. Am PC dort gibt er „den Platz in die Suchleiste ein“ und prompt ploppt die Buchbeschreibung von „NS-Asozialenpolitik und Wohlfahrt“ auf. Als er das Buch in die Hand nimmt, erkennt er auf dem Buchdeckel genau die Siedlung, in der er lebt. „Er blättert darin, entdeckt sogar das Haus, in dem er jetzt wohnt. Er wird das Buch ausleihen und darin lesen.“

Das Buch im Roman gibt es tatsächlich. Verfasst hat es die Historikern Elke Steinhöfel: Die Wohnungsfürsorgeanstalt Hashude. Die NS-„Asozialenpolitik“ und die Bremer Wohlfahrtspflege, Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, Nr. 71, Bremen 2015. Und was geht aus ihrer Studie hervor?

1936 entstand mit der Hashude genannten Siedlung eine Unterbringung für die von den Nazis als „asozial“ und „minderwertig“ klassifizierten Personen und Familien Bremens – vor allem Bettler, Obdachlose, Prostituierte, Alkoholiker, alleinstehende Mütter. Erbaut worden waren insgesamt 84 Gebäude, die ein „L“ bildeten. Dieser Aufbau ermöglichte die permanente Überwachung der zwangseingewiesenen Bewohner. Die Siedlung war von einem hohen Zaun und Mauern umschlossen und völlig ausgeleuchtet. Das eiserne Haupttor wurde um 22 Uhr geschlossen.

Bis 1940 wurden in diesem so genannten „Familien-KZ“ etwa 160 Erwachsene und 400 Kinder zwangsweise einquartiert. Die Betroffenen sollten vom Lagerleiter und seinen Schergen im Sinne des faschistischen Regimes umerzogen werden. Die Männer, die als Hauptverantwortliche für die „Asozialität“ galten, wurden täglich in Marschformation zu ihren Arbeitsplätzen geführt und erhielten Prügel oder verschwanden eingesperrt in einem Keller, wenn sie abends zu spät zurück kamen. Auch die Kinder mussten morgens in Kolonnen zur Grundschule stapfen. Jeder nachbarschaftliche Kontakt zwischen den Familien war untersagt, Haustiere und nicht zuletzt Alkoholgenuss waren verboten. Bei „Arbeitsverweigerung“ oder „Arbeitsvernachlässigung“ drohte die Deportation ins Zwangsarbeitslager.

Zumal aufgrund der im Zweiten Weltkrieg zunehmenden Bombenangriffe auf Bremen wurde 1940 die „Wohnungsfürsorgeanstalt Hashude“ mit der makabren Begründung geschlossen, der gewünschte „erbbiologischen Erfolg“ wäre ausgeblieben. Nach dem Krieg zog etwa die Hälfte der Familien fort.

Zurück in den Roman. Als Maleika und ihr 13-jähriger Sohn Merlin das Haus am Heinrich-Paul-Platz bezogen, wussten sie nicht, dass die Siedlung einmal ein grausames Lager für vermeintlich asoziale Menschen war. Bald nachdem der sich als geübter Feuerspucker erweisende Merlin in der Bibliothek auf die Geschichte des Platzes gestoßen war, wird ihm klar: „Ich mag es dort einfach nicht“, und er beschließt, die Siedlung zu verlassen und auf eine Zirkusschule zu gehen. Die abschließenden Sätze in Ulrike Kleinerts sensibel verfasstem Werk Erinnerungsfunken lauten:

„Ihr schöner Platz, ihr Refugium, offen für alle? […] Eine Gedenktafel am Eingang kommt auch nicht infrage. Hier kommt doch keiner, der nicht hier wohnt, vorbei. Und wenn, warum soll jeder lesen können, dass sie in einer ehemaligen Asozialensiedlung leben? Das hier ist ein ganz normaler Ort.“

In der Tat sind die Zeiten der „Wohnungsfürsorgeanstalt Hashude“ lange vorbei, die am Ende des Buches von Matthias Loeber als Zeugnis der NS-Verfolgungsgeschichte mitten in Bremen beschrieben wird. Er erhellt auch, dass die während der NS-Zeit als „asozial“ stigmatisierten Menschen vom Deutschen Bundestag erst Anfang des Jahres 2020 als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Heutzutage deutet am Wartumer Platz am Rande des Bremer Stadtteils Woltmershausen nichts Auffälliges mehr auf die Drangsalen hin, die Menschen an diesem Ort erlitten haben. Die Reihenhäuser sind modernisiert, die Gärten gepflegt. In der Siedlung wiederum dürften durch die Diskussionsveranstaltungen und Vorträge nach der Veröffentlichung von Elke Steinhöfels tiefschürfender Forschungsarbeit über die Wohnungsfürsorgeanstalt vielen zeitgenössischen Anwohnenden die Geschichte ihres Wohnortes bekannt sein.

Ulrike Kleinert hat mit Erinnerungsfunken eine ungewöhnliche Lektüre vorgelegt, die sich uns fragen lässt, was eigentlich die eigene Identität wirklich ausmacht.

Ulrike Kleinert: Erinnerungsfunken. Wider das Vergessen, Kellner Verlag, 216 S., Bremen 2025.

 

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